Chinaseuche

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Die Chinaseuche (wissenschaftliche Namen: Rabbit Haemorrhagic Disease (kurz RHD[1][2]), Rabbit Calicivirus Disease (kurz RCD), Viral Haemorrhagic Disease (kurz VHD) oder „Bunny Ebola“ („Kaninchen-Ebola“)[3]) ist eine für die Veterinärmedizin unheilbare hämorrhagische Viruserkrankung,[1] die ausschließlich Kaninchen befällt. Verursacher der Chinaseuche sind Caliciviren aus der Gattung Lagovirus, der als Rabbit Hemorrhagic Disease Virus (RHDV) bezeichnet wird.[1] Die größte Verbreitung haben die Stämme RHDVa und RHDV-2 (auch RHD-V 2 genannt).[4] Empfänglich sind alle Kaninchenrassen beiderlei Geschlechts. Jungtiere bis zu etwa einem Monat erkranken meist nicht,[1] können aber den Erreger vermehren. Die meisten erkrankten Tiere sind älter als 3 Monate. Die Mortalität liegt je nach Virusstamm bei 5 bis 100 Prozent. Die seit 2016 zu beobachtenden Erkrankungen verlaufen fast immer tödlich.

Geschichte und Vorkommen

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1984 trat die bis dahin nicht bekannte Erkrankung erstmals bei Angorakaninchen in der Volksrepublik China auf[5], anderen Quellen zufolge bei Haus- und Farmkaninchen, die aus Deutschland stammten.[6] Sie hat sich weltweit verbreitet. Bereits 1986 wurde der Symptomkomplex in Westeuropa beobachtet; das Virus wurde vermutlich durch Zuchttiere, importiertes Kaninchenfleisch oder Kaninchenwolle eingeschleppt. 1988 kam sie erstmals in Deutschland vor.[1]

Die Chinaseuche kommt auf der gesamten Nordhalbkugel mit Ausnahme des Baltikums und des Balkans sowie in Australien und Neuseeland vor. In Mittelamerika und Südamerika sind bislang keine Erkrankungen aufgetreten. Auch Südasien, Südostasien und weite Teile Afrikas (ausgenommen Tunesien, Ghana und Benin) sind RHD-frei.[3]

Virus der hämorrhagischen Kaninchenkrankheit

Rekonstruktion des RHDV-Kapsids

Systematik
Klassifikation: Viren
Realm: Riboviria[10][9]
Reich: Orthornavirae[9]
Phylum: Pisuviricota[9]
Klasse: Pisoniviricetes[9]
Ordnung: Picornavirales[9]
Familie: Caliciviridae
Unterfamilie: Sapovirus-Gruppe[7][8]
Gattung: Lagovirus
Art: Rabbit Hemorrhagic Disease Virus
Taxonomische Merkmale
Genom: (+)ssRNA linear
Baltimore: Gruppe 4
Symmetrie: ikosaedrisch
Hülle: keine
Wissenschaftlicher Name
Rabbit Hemorrhagic Disease Virus
Kurzbezeichnung
RHDV
Links
TEM-Aufnahme von Virionen des Rabbit Calicivirus
Schemazeichnung der grtoßen (T=3) und kleinen (T=1) Kapside der Gattung Lagovirus
Genomkarte der Gattung Lagovirus

Der Krankheitserreger ist ein Calicivirus[1] mit ikosaedrischer Hülle und einem Durchmesser von etwa 40 Nanometern, das sogenannte Rabbit Hemorrhagic Disease Virus (kurz RHDV, mit Referenzstamm Rabbit calicivirus, RCV), die Typusspezies der Gattung Lagovirus; die zweite (mit Stand März 2019) offiziell anerkannte Spezies dieser Gattung ist das European brown hare syndrome virus. Ende der 1990er-Jahre wurden in Deutschland und Italien ein genetisch abweichender Typ namens RHDVa gefunden. Im Oktober 2010 wurde in Nordwest-Frankreich ein weiterer Typ nachgewiesen, der auch bei geimpften Tieren eine Erkrankung auslöste. Diese RHD2 genannte Variante der Krankheit (Spitzname englisch bunny ebola), ausgelöst durch die RHDV-Variante Rabbit Hemorrhagic Disease Virus 2 (kurz RHDV2 oder RHDV-2) ist in Mitteleuropa (Frankreich, Deutschland) endemisch, breitet sich aber 2020 auch vom Nordwesten der USA und von Kanada in den Südwesten der USA und nach Mexiko immer weiter aus.[11][12] Zunächst wurde eine geringere Mortalität im Vergleich zum Originalstamm beschrieben.[13][14] RHD2 hat sich von Frankreich aus rapide über weite Teile Europas ausgebreitet. Dieses Virus gilt als „unberechenbar und aggressiv“ im Vergleich mit den bisherigen Varianten. Es kann auch Feldhasen infizieren. Ein neuer Impfstoff wurde in Spanien und Frankreich entwickelt.[15][16][17] Er ist aber in Deutschland seit Anfang 2017 erhältlich. Es gibt zahlreiche nah verwandte Caliciviren, die nicht krankheitsverursachend wirken, bei denen aber zumeist eine Kreuzimmunität mit dem RHDV besteht.[6] Für den Menschen ist RHD2 harmlos.[2]

Das RHDV ist im Blut, im Knochenmark, in allen Organen und in sämtlichen Ausscheidungen nachweisbar.[1] Somit kann die Infektion über direkten Kontakt oder indirekt über Stechinsekten und Fliegen erfolgen. Auch eine indirekte Übertragung über mit dem Virus behaftete Gegenständen (Futter, Kleidung, Käfiginventar) ist möglich. Das Virus bleibt in der Umwelt bei Zimmertemperatur über drei Monate ansteckend, bei niedrigen Umgebungstemperaturen siebeneinhalb Monate.[18]

Die Inkubationszeit von RHD liegt bei 1 bis 3 Tagen. Danach tritt ein akuter bis perakuter Verlauf ein, der im Allgemeinen innerhalb von 12 bis 48 Stunden zum Tod des Tieres führt. Typisch für den klinischen Verlauf sind zentralnervöse Symptome, vor allem Krämpfe. Die Kaninchen stoßen in ihrem Todeskampf einen hohen Schrei aus. Im Endstadium ist ein Überstrecken des Kopfes zum Rücken hin (Opisthotonus) recht typisch. Das RHD-Virus verursacht bei Kaninchen Blutgerinnungsstörungen, Blutungen in den Atemwegen mit Atemnot und Organschwellungen.[1]

Pathologie und Diagnostik

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Wesentliches Merkmal der Erkrankung ist eine hochgradige Störung der Blutgerinnung, die zu punktförmigen Blutungen (Petechien) in allen Geweben führt. Blutungen treten vor allem in den Atemwegen, in Magen, Darm und den Harnorganen auf. Dadurch kommt es zu einer starken Atemnot beim Kaninchen und zu Blut in den Ausscheidungen. Daneben tritt eine Leberentzündung mit Gewebsuntergang sowie Fibrosen und Verkalkungen der Leberzellen auf. Ein weiteres Anzeichen für die Krankheit kann apathisches Verhalten sein, das bald nach der Infektion auftritt.

Die Pathologie ist hinweisend auf eine Chinaseuche, aber nicht beweisend. Zur definitiven Diagnose ist ein Nachweis von Virusprotein mittels ELISA oder RT-PCR notwendig. Eine Anzüchtung in Zellkulturen ist bislang nicht möglich. Antikörperuntersuchungen sind aufgrund des perakuten Verlaufs ohne Bedeutung.[3]

RHD gilt nach heutigem Stand der Veterinärmedizin als unheilbar.[1] Die Bekämpfung der Krankheit geschieht am effektivsten durch eine jährlich zu wiederholende Impfung.[1] Inwieweit sich die neuen RHDV-Stämme dem Impfschutz durch die etablierten Impfstämme entziehen, ist bislang offen.[6] Seuchenhygienische Maßnahmen wie Quarantänisierung und Verbot von Kaninchenausstellungen in betroffenen Gebieten haben sich als sinnvoll erwiesen.

Zu Desinfektion müssen Desinfektionsmittel eingesetzt werden, die gegen unbehüllte Viren wirksam sind.[3]

  • E. Wasel: Meerschweinchen. In: Karl Gabrisch, Peernel Zwart (Hrsg.): Krankheiten der Heimtiere. 7. Aufl., Schlütersche Verlagsgesellschaft, Hannover 2007, S. 11–12, ISBN 3-89993-010-X. (8. Aufl. 2014)
  • Anja Damm, Dirk Zinsen: VetSkills: Arbeitstechniken in der Kleintierpraxis. Schattauer Verlag, 2. Aufl., 2012, S. 119. ISBN 3-7945-2679-1

Einzelnachweise

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  1. a b c d e f g h i j Chinaseuche (Rabbit Haemorrhagic Disease, RHD) beim Kaninchen. 20. Juli 2011, abgerufen am 7. Juni 2019 (deutsch).
  2. a b Micha Matthes: Kaninchen sterben an neuem Virus. In: mittelbayerische.de. 11. Mai 2016, abgerufen am 7. Juni 2019.
  3. a b c d Patricia König et al.: „Kaninchen-Ebola“ – Übertreibung oder Realitiät? In: Deutsches Tierärzteblatt Band 68, 2020, Heft 10, S. 1254–1260.
  4. Chinaseuche: Kann sich meine Katze mit RHD/RHD-2 anstecken? – Haustiger. In: haustiger.info. Abgerufen am 22. Mai 2020.
  5. Condé Nast: The Rabbit Outbreak | The New Yorker. In: newyorker.com. 25. Juni 2020, abgerufen am 2. März 2024 (englisch).
  6. a b c Host Schirrmeier und Klaus Cußler: Neue HD-Variante in Frankreich festgestellt. In: Dt. TÄBL. 59 (2011), S. 746–748.
  7. Juliana D. Siqueira, Maria Gloria Dominguez-Bello, Monica Contreras, Orlana Lander, Eric Delwart: Complex virome in feces from Amerindian children in isolated Amazonian villages. In: Nature Communications 9(1), Dezember 2018, doi:10.1038/s41467-018-06502-9
  8. Aase B Mikalsen, Pål Nilsen, Marianne Frøystad-Saugen, Karine Lindmo, Trygve M Eliassen, Marit Rode, Øystein Evensen: Characterization of a Novel Calicivirus Causing Systemic Infection in Atlantic Salmon (Salmo salar L.): Proposal for a New Genus of Caliciviridae. In: PLoS ONE 9(9):e107132, September 2014, doi:10.1371/journal.pone.0107132
  9. a b c d e ICTV: ICTV Taxonomy history: Rabbit hemorrhagic disease virus, EC 51, Berlin, Germany, July 2019; Email ratification March 2020 (MSL #35)
  10. ICTV Master Species List 2018b v1 MSL #34, Feb. 2019
  11. Aylin Woodward: A Deadly Rabbit Virus Nicknamed 'Bunny Ebola' Is Spreading Rapidly in Southwestern US, auf: sciencealert vom 1. Juli 2020, Quelle: Business Insider (BI)
  12. RABBIT HEMORRHAGIC DISEASE: RHDV2 USA/MEXICO INFORMATION, Peacebunny Island / Peacebunny Foundation 2020
  13. Facts sheet RHD-2. (PDF) The British Rabbit Council, abgerufen am 28. August 2016.
  14. Ghislaine Le Gall-Reculé, Antonio Lavazza, Stéphane Marchandeau, Stéphane Bertagnoli, Françoise Zwingelstein, Patrizia Cavadini, Nicola Martinelli, Guerino Lombardi, Jean-Luc Guérin: Emergence of a new lagovirus related to rabbit haemorrhagic disease virus. In: Veterinary Research. 44. Jahrgang, Nr. 1, 8. September 2013, doi:10.1186/1297-9716-44-81, PMID 24011218, PMC 3848706 (freier Volltext) – (englisch, veterinaryresearch.org).
  15. Rudolf Neumaier: Seuchenschutz: Tod im Kaninchenstall, Süddeutsche Zeitung vom 24. August 2016, abgerufen am 28. August 2016
  16. Virusinfektion: Chinaseuche dezimiert deutsche Kaninchenbestände, Welt.de vom 6. September 2016, abgerufen am 7. September 2016
  17. RHDV2 Newsletter (New variant). (PDF) The British Rabbit Council, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 28. August 2016; abgerufen am 28. August 2016.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.thebrc.org
  18. Rainer Holubek: Geschlossene Impfdecke schützt vor Myxomatose und RHD. In: Kaninchenzeitung 5/2008