Gerhard Dahl

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Gerhard Dahl (* 1937) ist klinischer Psychologe und Psychoanalytiker. Er studierte Psychologie und promovierte 1968 bei Robert Heiß in Freiburg im Breisgau mit einer mathematisch-statistischen Methoden-Kritik der amerikanischen Adaptation des Hamburg-Wechsler-Intelligenztests für Erwachsene (HAWIE). In seiner Dissertation entwickelte er die Kurzform WIP (Reduzierter Wechsler-Intelligenztest) mit nur vier Subtests, die den Gesamt-IQ verlässlich erfasst.

Von 1963 bis 1970 war er in der Psychiatrisch-Neurologischen Klinik der Freien Universität Berlin als klinischer Psychologe tätig. In seinen Publikationen macht er auf Probleme der Testpsychologie und der Psychodiagnostik aufmerksam: Für psychiatrisch-neurologische Patienten erwiesen sich Intelligenz-Untersuchungen mit den umfangreichen und zeitaufwendigen Wechsler-Skalen oft als sehr belastend. Mithilfe eines statistisch gesicherten Verfahrens zur Untertestselektion wurde die Testkurzform WIP entwickelt, die auf unhaltbare Profilinterpretationen (Abbauquotient[1]) verzichtet und in einer zumutbaren Darbietungszeit durchführbar ist. Für zwei Versionen des WIP liegen Testhandbücher[2][3] vor, die ausführliche statistische Analysen und Standardnormen zur Bestimmung des WIP-IQ zur Verfügung stellen.[4][5]

Mit der Auflösung des Anton Hain Verlags und der Niederlassung von Dahl in eigener psychoanalytischer Praxis wurden keine weitere Auflagen mit neueren Untersuchungen zum WIP publiziert. Als Lehranalytiker und Dozent am Karl-Abraham-Institut in Berlin[6] veröffentlichte er Texte zur psychoanalytischen Konzeptionalisierung und Theoriebildung.[7][8][9][10] Zur Frage der Zeit und des Zeiterlebens in Freuds Konzept der Nachträglichkeit[11] sind mehrere Aufsätze erschienen. In der angewandten Psychoanalyse in Literatur und Kunst interpretierte er u. a. die pathologischen Folgen der Urszene[12][13] in Hermann Brochs Vergil-Roman.[14][15][16]

Einzelnachweise

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  1. G. Dahl: Zur Bestimmung des pathologischen Intelligenzabbaus im HAWIE mit Hilfe des Abbauquotienten. In: Psychol. Forsch. Band 28, 1965, S. 476–490.
  2. G. Dahl: WIP. Reduzierter Wechsler-Intelligenztest. Anwendung, Auswertung, statistische Analysen, Normwerte. Dr. h. c. Anton Hain zum 80. Geburtstag gewidmet. Hain, Meisenheim (am Glan) 1972, ISBN 3-445-00905-8.
  3. G. Dahl: WIP. Handbuch zum Reduzierten Wechsler-Intelligenztest. Anwendung, Auswertung, statistische Analysen, Normwerte. 2., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Hain, Königstein/Ts. 1986, ISBN 3-445-02464-2.
  4. R. Brickenkamp: Handbuch psychologischer und pädagogischer Tests. Hogrefe, Göttingen 1975, ISBN 3-8070-0092-5.
  5. F. Dorsch: Psychologisches Wörterbuch. Huber, Bern 1982, ISBN 3-456-81209-4.
  6. Ici-Berlin, 22. Karl-Abraham-Vorlesung 2014
  7. G. Dahl: Wissenschaftliche Validität, Nutzen und Verwendbarkeit metapsychologischer Konzepte in der Psychoanalyse Versuch einer Klärung. In: Psyche. Heft 1, 2013, S. 33–59.
  8. G. Dahl: Primärer Narzißmus und inneres Objekt. Zum Schicksal einer Kontroverse. In: Psyche. 2001, Heft 6, S. 577–628.
  9. M. Altmeyer: Narzissmus-Theorie und Säuglingsforschung – ein Beitrag zur interdisziplinären Verständigung. In: O. Kernberg, H. P. Hartmann (Hrsg.): Narzissmus. Grundlagen-Störungsbilder-Therapie. 3. Nachdruck. Schattauer. Stuttgart 2015, ISBN 978-3-7945-2697-0, S. 71–94.
  10. M. Dornes: Primärer Narzißmus: widerlegbar oder nicht? In: Psyche. Heft 6, 2001, S. 612–618.
  11. G. Dahl: The two time vectors of Nachträglichkeit in the development of ego organization: significance of the concept for symbolization of nameless traumas and anxieties. In: Int. J. Psychoanal. Band 91, 2010, S. 727–744.
  12. G. Dahl: Zur pathogenetischen Bedeutung und Struktur der Urszene. In: Jahrbuch der Psychoanalyse. Band 12, Huber, 1981, S. 96–116.
  13. G. Dahl: Notes on Critical Examinations of the Primal Scene Concept. In: J.Am.Psa.Assoc. Band 30, 1982, S. 657–677.
  14. G. Dahl: Hermann Broch: Der Tod des Vergil. Eine psychoanalytische Studie. In: Johannes Cremerius (Hrsg.): Psychoanalytische Textinterpretation. Hoffmann & Campe, Hamburg 1974, S. 71–124.
  15. P. Kutter: Moderne Psychoanalyse. Eine Einführung in die Psychologie unbewußter Prozesse. Verlag Internationale Psychoanalyse, München 1989, ISBN 3-621-26516-3, S. 65–66.
  16. C. Caesar: Poetik der Wiederholung. Ethische Dichtung und ökonomisches „Spiel“ in Hermann Brochs Romanen „Der Tod des Vergil“ und „Die Schuldlosen“. Königshausen & Neumann, Würzburg 2001, ISBN 3-8260-2132-0.