Short Creek Raid

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Das Schulhaus, in dem sich die mormonischen Fundamentalisten während der Razzia aufhielten.

Die Short Creek Raid (deutsch Short Creek Razzia) war eine Aktion des Arizona Department of Public Safety (AZDPS) und der Arizona National Guard gegen mormonische Fundamentalisten, die am Morgen des 26. Juli 1953 in Short Creek, Arizona, stattfand. Die Short Creek Raid war die größte Massenverhaftung von Polygamisten in der amerikanischen Geschichte. Zu dieser Zeit wurde sie als „die größte Massenverhaftung von Männern und Frauen in der modernen amerikanischen Geschichte“ beschrieben.[1]

Kurz vor Sonnenaufgang am 26. Juli 1953 drangen 102 Beamte der staatlichen Strafverfolgungsbehörde des Arizona Department of Public Safety und Soldaten der Arizona National Guard in Short Creek ein. Die Gemeinde, die aus etwa 400 mormonischen Fundamentalisten bestand und über die geplante Razzia informiert worden war, wurde im Schulhaus beim Singen von Hymnen angetroffen, während die Kinder vor dem Schulhaus spielten.[2] Unter den in Gewahrsam genommenen Personen befanden sich 263 Kinder. 164 dieser Kinder durften im März 1955 zu ihren Eltern zurückkehren, während einigen anderen Eltern das Sorgerecht dauerhaft entzogen wurde.[3]

Reaktion von Öffentlichkeit und Medien

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Der Gouverneur von Arizona, John Howard Pyle, nannte die Razzia anfangs „eine bedeutsame Polizeiaktion gegen einen Aufstand“[4][5] und beschrieb die Mormonen-Fundamentalisten als Teilnehmer an „der übelsten Verschwörung, die man sich vorstellen kann“, und sagte, „sie käme einer weißen Sklaverei gleich“.[2]

Mehr als 100 Reporter waren von Pyle eingeladen worden, die Polizei zu begleiten und die Razzia zu beobachten. Die Razzia und ihre Taktik erregten jedoch überwiegend negative Aufmerksamkeit in den Medien; eine Zeitung titelte:

„Mit welcher Ausdehnung der Phantasie könnten die Aktionen der Short Creek Kinder als Aufstand eingestuft werden? Haben diese Teenager, die auf einem Schulhof Volleyball spielen, eine Rebellion angezettelt? Aufruhr? Nun, wenn ja, ein Aufstand mit Windeln und Volleybällen!“

Arizona Republic: [6]

In derselben Woche, in der das Waffenstillstandsabkommen für den Koreakrieg am 27. Juli 1953 unterzeichnet wurde, erlangte die Razzia in den Medien der Vereinigten Staaten Bekanntheit, darunter in Artikeln der Nachrichtenmagazine Time[7] und Newsweek,[8] wobei viele Medien die Razzia als „abscheulich“ oder „unamerikanisch“ bezeichneten.[9] Ein Kommentator meinte, dass die Berichterstattung über die Razzia „wahrscheinlich das erste Mal in der Geschichte war, dass amerikanische Polygamisten eine Medienberichterstattung erhielten, die weitgehend wohlwollend war.“[10] Ein anderer Kommentator bemerkte noch, dass die „einzige amerikanische Parallele des Überfalls die bundesstaatlichen Aktionen gegen die nordamerikanischen Ureinwohner im 19. Jahrhundert sind.“[11]

Als Pyle 1954 seine Wiederwahl gegen den Kandidaten der Demokraten, Ernest McFarland, verlor, machte er die Auswirkungen der Razzia dafür verantwortlich, dass seine politische Karriere zerstört worden war.[12]

Unterstützung durch die LDS-Kirche

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Eine der wenigen Medien, die die Razzia begrüßten, war die in Salt Lake City ansässige Tageszeitung Deseret News, die der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage gehört (kurz HLT).[13] Die News applaudierte der Razzia als eine notwendige Reaktion, um zu verhindern, dass die Fundamentalisten „zu einem Krebsgeschwür werden, das jenseits aller Hoffnung auf menschliche Heilung ist.“[14] Als die Zeitung später in einem Leitartikel ihre Unterstützung für die Trennung von Kindern von ihren polygamen Eltern zum Ausdruck brachte, kam es zu einer Gegenreaktion gegen die Zeitung und die Kirche durch eine Reihe von Mitgliedern der Heiligen der Letzten Tage, darunter auch die amerikanische Historikerin Juanita Brooks (1989–1989), die sich darüber beschwerte, dass die Kirchenorganisation „eine im Grunde so grausame und böse Sache wie das Wegnehmen kleiner Kinder von ihrer Mutter“ billige.[9] Die Short Creek Razia war die letzte Aktion gegen polygame mormonische Fundamentalisten, die von der LDS-Kirche aktiv unterstützt wurde.[15]

Nach der Short Creek Razzia kam es zu einer Verjüngung der fundamentalistisch polygamen mormonischen Kolonie in Short Creek. Durch die negative öffentliche Wahrnehmung die die Razzia von 1953 in Short Creek ausgelöst hatte, wurde eine neue Ära des Friedens eingeleitet, die auch eine allgemeine Lockerung der Polygamie-Vollstreckung im gesamten Westen mit sich brachte. Um sich weiter von dem Ereignis distanzieren zu können, ließ die Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (kurz FLDS-Kirche) den Ortsnamen (der 1913 gegründeten Short Creek Community) Short Creek in Colorado City auf der Seite Arizonas und in Hildale auf der Seite Utahs ändern, um unangenehme Assoziationen mit dem Überfall zu vermeiden.[16] Im Jahr 1991 gründeten die mormonischen Fundamentalisten in Colorado City offiziell die Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Mitglieder der Sekte wurden bis in die späten 1990er Jahre nicht wegen ihres polygamen Verhaltens strafrechtlich verfolgt, als man damit begann einzelne Personen strafrechtlich zu verfolgen.[17] 2006 wurde das Oberhaupt der FLDS-Kirche, Warren Jeffs, auf die FBI-Liste der Zehn Meistgesuchten gesetzt. Am 29. August 2006 wurde er verhaftet und im August 2011 in Texas wegen zweifachen sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen zu lebenslanger Haft verurteilt.[18][19]

Der FLDS Tempel auf der YFZ Ranch in der Nähe von Eldorado im Schleicher County im Bundesstaat Texas.

Am 3. April 2008 führten Polizeibeamte und Ermittler der Kinderfürsorge eine Razzia auf einem von Warren Jeffs gegründeten FLDS-Gelände in Texas, der YFZ-Ranch (Yearning for Zion-Ranch deutsch Sehnsucht nach Zion-Ranch), durch, nachdem eine nicht identifizierte Anruferin behauptete ein 16-jähriges Mädchen zu sein und physischen und sexuellen Missbrauch vorwarf.[20] Bis zum 8. April 2008 waren insgesamt 416 Kinder von den Behörden aus dem Gelände entfernt worden.[21] Ein früheres Mitglied der FLDS-Kirche, Carolyn Jessop, meldete sich am 6. April 2008 vor Ort zu Wort und erklärte, dass die Aktion in Texas nicht mit dem Überfall in Short Creek zu vergleichen sei.[22] Andere haben jedoch direkte Verbindungen zwischen den beiden Ereignissen in Betracht gezogen.[23][24]

  • Natalie R.: Placing the Short Creek Raid in the Context of the Cold War. 29. August 2013, abgerufen am 27. März 2021 (englisch).
  • John Florea: Rare: LIFE With Polygamists, 1944. Life magazine, 1. September 2011, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 1. September 2011; abgerufen am 27. März 2021 (englisch).
  • Police raid Arizona polygamist enclave. An historical account of a radio address given by Arizona Governor Howard Pyle shortly after the Short Creek raid in 1953. The Salt Lake Tribune, 26. April 2008, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 26. April 2008; abgerufen am 27. März 2021 (englisch).
  • Short Greek Raid Fotos. Abgerufen am 27. März 2021.

Einzelnachweise

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  1. C. R. Waters, Mohave Miner, 30. August 1953.
  2. a b Ken Driggs: After the Manifesto: Modern Polygamy and Fundamentalist Mormons. In: Journal of Church and State. Band 32, Nr. 2, 1990, doi:10.1093/jcs/32.2.367, JSTOR:23916972 (englisch).
  3. Ken Driggs: Who Shall Raise the Children? Vera Black and the Rights of Polygamous Utah Parents. In: Utah State History (Hrsg.): Utah Historical Quarterly. Band 60, Nr. 1, 1992 (englisch, issuu.com [abgerufen am 26. März 2021]).
  4. Kidnapped from That Land: The Government Raids on the Short Creek Polygamists, von Martha Sonntag Bradley, Salt Lake City, University of Utah Press, 1996 (Erstausgabe 1993) in der Google-Buchsuche-USA ISBN 0-87480-528-7
  5. Geoffrey Fattah: Parallels to Short Creek raid in 1953 are pointed out. 10. April 2008, abgerufen am 27. März 2021.
  6. Arizona Republic, 28. Juli 1953.
  7. ARIZONA: The Great Love-Nest Raid. In: Time. 3. August 1953, abgerufen am 3. März 2021 (englisch). Der Gouverneur von Arizona, Howard Pyle, erklärte, die Kolonisten befänden sich in einem „Zustand des Aufruhrs“. Die Behörden alarmierten Zeitungen und Pressedienste schon Wochen im Voraus. „Dies ist eine Fabrik für weiße Sklaven“, verkündete ein stellvertretender Generalstaatsanwalt. „Seit mindestens zehn Jahren ist keine Frau mehr aus dieser Gemeinde entkommen. Sie werden gezwungen, sich Männern zu unterwerfen, die alt genug sind, um ihre Großväter zu sein.“ Sorgfältig wurden Haftbefehle ausgearbeitet, die 122 Erwachsene wegen Verschwörung zu Verbrechen wie Polygamie, Vergewaltigung, Bigamie und Veruntreuung von Schulgeldern anklagten.
  8. "People: The Big Raid", Newsweek, 3. August 1953, S. 26.
  9. a b Richard S. Van Wagoner: Mormon Polygamy: A History. 2. Auflage. Signature Books, Salt Lake City, Utah Februar 2010 (englisch, signaturebooks.com (Memento vom 30. Oktober 2014 im Internet Archive) [abgerufen am 27. März 2021]).
  10. Stephen Eliot Smith: The ‘Mormon Question’ Revisited: Anti-polygamy Laws and the Free Exercise Clause. LL.M thesis an der Harvard Law School, 2005, OCLC 70120125
  11. D. Michael Quinn: Plural Marriage and Mormon Fundamentalism, Dialogue: A Journal of Mormon Thought. Vol. 31, Nr. 2, 1998, S. 1–68, hier S. 12, JSTOR:45226443 (englisch).
  12. Short Creek raid remembered – First of three parts, In: Child Protection Project (abgerufen am 27. März 2021)
  13. In den 1950er Jahren war die LDS-Kirche gegen die traditionelle mormonische Praxis der Mehrehe und exkommunizierte alle ihre Mitglieder, die sie praktizierten.
  14. Deseret News, 27. Juli 1953.
  15. Gordon B. Hinckley, Präsident der LDS-Kirche, hatte erklärt, dass die Entscheidung, ob ein mormonischer Polygamist strafrechtlich verfolgt wird oder nicht, „ganz in den Händen der Zivilbeamten läge. Es ist ein zivilrechtliches Vergehen. Es ist ein Verstoß gegen das Gesetz. Wir haben damit nichts zu tun. Wir sind davon völlig distanziert. Und wenn der Staat sich entscheidet, dagegen vorzugehen, dann ist das die Verantwortung der zivilen Beamten.“ Gordon B. Hinckley bei Larry King Live, im CNN Fernsehen, 8. September 1998.
  16. Tom Zoellner: Polygamy: Throughout its history, Colorado City has been home for those who believe in virtues of plural marriage. The Salt Lake Tribune, 2000 (englisch, sltrib.com (Memento vom 5. Mai 2000 im Internet Archive) [abgerufen am 27. März 2021]).
  17. The Primer. (PDF) Helping Victims of Domestic Violence and Child Abuse in Polygamous Communities. – A joint report from the offices of the Attorneys General of Arizona and Utah. 11. Januar 2005, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 11. Januar 2005; abgerufen am 27. März 2021 (englisch).
  18. Katy Vine: Non-Prophet – A ringside seat at the surpassingly strange sexual assault trial of Warren Jeffs, who probably wishes he’d never come to Texas. Oktober 2011, abgerufen am 27. März 2021 (englisch).
  19. CNN Wire Staff: Polygamist leader Warren Jeffs sentenced to life in prison. 10. August 2011, abgerufen am 27. März 2021 (englisch).
  20. Ralph Blumenthal: 52 Girls Are Taken From Polygamist Sect’s Ranch in Texas. In: The Ney York Times. 5. April 2008, abgerufen am 27. März 2021 (englisch).
  21. Texas takes legal custody of 401 sect children. CNN, 11. April 2008, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 11. April 2008; abgerufen am 27. März 2021 (englisch).
  22. Brooke Adams: People who have left sect go to Texas to help. They can explain the group's culture and comfort displaced women and children. The Salt Lake Tribune, 8. April 2008, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 8. April 2008; abgerufen am 27. März 2021 (englisch).
  23. Brooke Adams: Polygamous crackdown echoes 1953 Short Creek arrests. The Salt Lake Tribune, 12. April 2008, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 12. April 2008; abgerufen am 27. März 2021 (englisch).
  24. Polygamy: Where religious liberty ends. The Salt Lake Tribune, 14. April 2008, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 14. April 2008; abgerufen am 27. März 2021 (englisch).

Koordinaten: 36° 59′ 22″ N, 112° 58′ 41″ W